[ Satokii Literaturmacher ]
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Tomas

Von Richard Felix Duraj

Für das Vaterland waren wir gestorben. Ich und mein neuer Freund Tomas lagen auf dem Hügel, auf dem wir gekämpft hatten. Ich lag da, mit offener Brust, kalt wie ein toter Fisch an Land. Seinen halben Kopf hatte Tomas zu mir gedreht, kurz nach mir, ohne auch nur zu schreien. Hatte keine Zeit mehr. Ich sagte zu ihm, als er so da lag, mit starrem Auge ins Nirgendwo blickend, ich würde mir wünschen, auf meinem Grabstein möge nicht "Fürs Vaterland gestorben" stehen. Er ging nicht darauf ein, sondern fragte mich, ob ich wüsste, woran er jetzt denke, jetzt, wo er doch tot sei und so. Ich wartete ab, bis er fortfuhr. Er müsse an seine Mutter denken. Seltsam, fand er, seltsam. Ja und, wollte ich wissen. Er erwiderte mit seiner kalten, zitternden Stimme, er müsse sich fragen, ob sie wohl weinen würde, wenn sie von seinem Tod erführe, die arme Frau. Ja, sagte ich, natürlich, Tomas, sie wird weinen, sie wird dich beklagen, deine Mörder verfluchen, wer sie auch seien, und in allem fort. Nein, er sei sich da nicht so sicher, flüsterte er mir leise in mein kalkweiss gewordenes Ohr, nicht so sicher sei er sich, denn seine Mutter hätte noch nie geweint, denn sie sei ein zu sensibles Persönchen. So würde sie immerzu weinen, denn immerzu gäbe es etwas zu beweinen, hatte sie ihm einmal gesagt. Und sie hat tatsächlich nie geweint in ihrem langen Leben? musste ich fragen. Da sagte er mir, doch, früher, aber nicht so lange er gelebt habe, von der Wiege bis zur Bahre nicht, ja, nie hatte er sie weinen sehen. Und dann erzählte er mir die Geschichte, wie seine Mutter das Weinen verlernt hatte.

Als sie noch eine junge Frau war, im Alter von sechzehn, da war eine grosse Not im Land und jeder sah nur, wie er sich selber am besten über die Runden bringen konnte. Da stand im Garten ihrer Eltern ein schöner alter Apfelbaum und es begann die Jahreszeit, in der die Äpfel prall am Baume hingen und saftig süss schmeckten. Und eines Tages, als seine Mutter mit einem Korb voller Kartoffeln vom Acker zurück zum Hof kam, da sass ein Junge, halbnackt und nicht älter als zehn Jahre, auf dem alten Apfelbaum und ass hastig zwei grosse Äpfel, mal in den einen, dann in den anderen beissend. Sie rief zu ihm: "He da!" Da erschrak der Junge so, dass er herunterfiel und weil er die beiden Äpfel nicht loslassen wollte, als handelte es sich dabei um einen Schatz, landete er unglücklich auf der harten Erde ohne sich mit den Armen aufzufangen, schlug sich schlimm das Knie auf und Blut floss auf die Wurzeln des Apfelbaumes. Tomas' Mutter rannte zu dem Jungen, der fürchterlich weinte, nahm ihn in den Arm, beruhigte ihn und sang ihm ein schönes Liebeslied, welches ihr gerade in den Sinn kam. Als die letzten Tränen weggewischt waren, sah er zu ihr hoch, wie sie ihn so zärtlich festhielt und noch immer das Liebeslied summte, und sah ihr in die Augen, ganz tief und verliebte sich. Das blutende Knie war vergessen. Er dankte ihr und sagte ihr, dass er sie liebe. Sie errötete und schickte ihn fort. Doch Tags darauf kam der Junge zu ihr und wiederholte die Worte, sah, wie sie errötete, lächelnd, dann wurde auch er rot und als kleines Zeichen der Liebe schenkte er ihr ein paar Kartoffeln. Und so ging es Tag für Tag, eine lange Zeit und bald fand sie es nicht mehr seltsam, dass ein Kind ihr so beharrlich den Hof machte und obwohl sie bei diesen Zusammenkünften niemals irgendeine Geste der Zuneigung ihm gegenüber zeigte, er trotzdem nicht aufgab und immer wieder zu ihr kam, ihr mal Nüsse, mal Kirschen und dann und wann einen Blumenstrauss schenkte. Und irgendwann merkte sie, dass auch sie den Jungen lieben gelernt hatte, so jung er auch war.

Eines Tages sagte sie ihm dann, als er wieder vorbeikam, mit einem schönen Strauss Vergissmeinnicht und der Liebeserklärung, auch sie würde ihn lieben, so wie er sie liebte. Da waren seine Augen froh. Sie sagte ihm, sie würden heiraten, wenn er denn erwachsen sei. Und so gingen die Jahre ins Land.

Dann kam der Grosse Krieg und der Junge war alt genug, um in diesem zu sterben. Und als Tomas' Mutter erfuhr, dass ihr Verlobter gefallen war, wusste sie, dass ihr beider einziger zärtlicher Moment vor langer Zeit unter dem alten Apfelbaum gewesen war, fast vergessen. Und sie weinte. Sie weinte zum letzten Mal.

Das alles erzählte er mir, als wir beide auf dem Hügel lagen, tot. Heute steht auf meinem Grabstein "Fürs Vaterland gestorben".
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